Schwarze Wolken

Marta ist sechzehn und fühlt sich erdrückt von der Stille und dem Schweigen ihrer Mutter Jasmina und ihrer Tante Jasenka, alleingelassen von ihrem in sich gekehrten Bruder Mateo und angezogen von Finn, der jedoch heimlich mit Mateo zusammen ist.

Da sie bis heute nicht weiß, warum ihr Vater Daniel nicht Teil ihrer Familie ist und ihre Mutter und die bei ihnen lebende Tante sich über ihn in Schweigen hüllen, beschließt sie, dem Pflegevater Jasenkas und Jasminas auf den Zahn zu fühlen, woraufhin dieser sich dazu breitschlagen lässt, ihr ein altes Notizbuch ihres Vaters zu übergeben.

Zeile um Zeile versinkt Marta nun in der Vergangenheit, muss immer wieder pausieren, da sie seine Gedanken nur portionsweise erträgt, aber langsam erklärt sich nun, welches schlimme Erlebnis ihres Vaters in dessen eigener Kindheit ihn daran hinderten, für sie da zu sein. Doch mit diesen erdrückenden Erkenntnissen muss sie vorerst mehr oder weniger allein zurecht kommen, denn während nur Finn versucht ihr zu helfen, täuscht Mateo weiter Desinteresse vor und selbst die erneute und wiederholte Konfrontation mit ihrer Mutter kann immer noch nicht die Mauer des Schweigens brechen, weil gegenüber dem Trauma ihres Vaters das Kriegstrauma ihrer Mutter und Jasenka steht, die als Kinder aus dem Bosnienkrieg gerettet und nach Deutschland gebracht wurden, wo sie gemeinsam mit Daniel bei ihrem Pflegevater Jakosch aufwuchsen. Und auch wenn Marta ahnt, was für schlimme Erlebnisse sie durchmachen mussten, die die beiden unzertrennlich werden ließen, belastet sie deren Trauma so sehr, dass sie es kaum noch aushält, mit ihnen zusammen zu leben und sich unweigerlich die Frage stellt, warum deren Probleme auch ihre Probleme sein müssen, warum sie mit ihnen an deren Vergangenheit leiden muss, wenn sie doch ein ganz eigenständiges Leiden hat, bei dem niemand bereit ist, es durch Erklärungen zu lindern.

René Müller-Ferchland schildert in diesem Buch mit einem fesselnden, unkonventionellen Schreibstil sehr gut, wie generationsübergreifend Traumata sein können. Die literarisch und charakterlich starke Figur Marta, ihr beständiges Fordern nach Antworten und ihre Rebellion zeigen deutlich, wie sehr Kinder und Jugendliche unter der unverarbeiteten Vergangenheit ihrer Eltern leiden können und man kann für viele Kinder nur hoffen, dass sie ebenso stark wie Marta ihren eigenen Weg und ihre eigenen Erklärungen finden werden, um nicht selbst an einem übertragenen Trauma zu zerbrechen und dabei dennoch genügend Verständnis für die Traumatisierten aufbringen.

Was in „Niemanns Kinder“ am Beispiel des Bosnienkriegs als Blick in die Zukunft gezeigt wird, ist gleichzeitig ein Blick auf die Vergangenheit und Gegenwart, denn leider fanden und finden immer wieder Kriege, Kindesmisshandlung und andere traumatisierende Verbrechen und Ereignisse statt, deren schwarze Wolke noch Jahrzehnte später über den Köpfen zukünftiger Generationen schweben wird. Deswegen ist dies ein Buch, das meiner Meinung nach jeden etwas angeht, damit wir begreifen, wie weitgreifend die Folgen jeglicher Art von Gewalt und Verbrechen sind, damit wir nicht vergessen und nicht wegschauen, damit wir den Opfern Verständnis entgegenbringen und wann immer möglich, ihnen bei der Bewältigung ihres Traumas helfen, wir es aber meiner Ansicht nach auch akzeptieren und begrüßen müssen, wenn sich jemand scheinbar rücksichtslos einen Schritt unter dieser schwarzen Wolke hervorwagt und in die Sonne tritt, anstatt in den Fluten zu ertrinken, die daraus herniederregnen, denn nicht für alles kann und darf ein eigens erlittenes Trauma als Ausrede gelten.

Ich kann diesen Roman auf jeden Fall weiterempfehlen und hoffe, dass sich noch viele weitere begeisterte Leser finden werden, die sich nicht von einem ernsten Thema abbringen lassen, denn inmitten dieser Tragödien gibt es dennoch soviel Zuversicht, Stärke, Zuneigung und Liebe, dass einem das Herz aufgeht und man die letzte Seite nicht nur mit einem weinenden, sondern auch einem lächelnden Auge schließen kann.

Wer übrigens mehr über dieses Thema erfahren möchte, kann unter den Begriffen „Transgenerationale Weitergabe“, „Transgenerationale Traumatisierung“ oder „Transgenerational transmission of trauma“ viele lesenswerte Seiten und Artikel finden.

Vielen Dank an dieser Stelle an René Müller-Ferchland für das Rezensionsexemplar, wobei ich betonen möchte, dass dies meine Meinung nicht beeinflusst hat. Und wer dieses tolle Buch nun ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung erfragen oder direkt beim Proof Verlag bestellen https://proof-verlag.de/shop/neue-literatur/niemanns-kinder/:

ISBN: 9783949178115
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Flexibler Einband
Umfang: 176 Seiten
Verlag: PROOF Verlag Erfurt
Erscheinungsdatum. 01.03.2021

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