Quarantäne mit Tücken

Corinna und David verabreden sich bei Tinder zu einem Date bei David. Doch kaum ist Corinna durch die Wohnungstür des zurückhaltenden David gewirbelt, ist ihnen auch schon klar, dass das nichts wird. Um wenigstens einen Hunger zu stillen, bestellen sie sich eine Pizza…und Wein, hauptsächlich für Corinna. Es folgt, gefördert von einer zusätzlichen Flasche Wodka (und anderen Mitteln…) ein absehbarer Frustrations-Absturz, der Corinna mit erheblichen Gedächtnislücken in Davids Bett aufwachen lässt. Als Corinna endlich wieder auf zwei Beinen stehen kann und aus diesem desaströsen Date flüchten will, erfahren beide, dass der Pizzabote mit Corona infiziert ist und sie deshalb 14 Tage Quarantäne gemeinsam überstehen müssen. Und je mehr Flaschen Wein verzweifelt geleert, je mehr Socken herumliegen gelassen, je mehr Kalenderblätter schwungvoll abgerissen werden, um die sich verkürzende Distanz bis zum Ende dieser grauenvollen Quarantäne zu messen, desto geringer wird auch ihre anfängliche persönliche Distanz, trotz aller Unterschiede…

„Das 14-Tage-Date“ von René Freund wurde nicht umsonst mit den Worten „Endlich mal ein lustiges Corona-Buch“ begrüßt, denn trotz der kritischen Situation fehlt es nicht an Humor. Wer nun bemängeln möchte, dass an Corona eigentlich nichts Lustiges zu finden wäre, dem sei gesagt, dass es diesem Buch keinesfalls an Tiefgang mangelt und diverse Probleme im Zusammenhang mit Corona ernsthaft aus der Sicht beider Protagonisten erörtert werden. Und wie schon in vielen Büchern des Autors ist es diese Balance zwischen tiefsinniger Ernsthaftigkeit und ausgeklügeltem Witz, zwischen traurigen Umständen und lustigen Situationen, die seine Bücher zu etwas Besonderem machen, wie das erste Lachen nach einer vergossenen Träne.

Vielen Dank an René Freund und den Zsolnay-Verlag für das Leseexemplar und an lovelybooks.de für die tolle Leserunde, wobei ich betonen möchte, dass dies meine Meinung nicht beeinflusst hat. Und wer dieses tolle Buch nun ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung bestellen:

ISBN: 9783552072343
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Fester Einband
Umfang: 160 Seiten
Verlag: Zsolnay, Paul
Erscheinungsdatum. 17.05.2021

Mehr Büchernews gibt es auf meinem Instagram-Account: https:\\www.instagram.com/jesssoul13

Schwarze Wolken

Marta ist sechzehn und fühlt sich erdrückt von der Stille und dem Schweigen ihrer Mutter Jasmina und ihrer Tante Jasenka, alleingelassen von ihrem in sich gekehrten Bruder Mateo und angezogen von Finn, der jedoch heimlich mit Mateo zusammen ist.

Da sie bis heute nicht weiß, warum ihr Vater Daniel nicht Teil ihrer Familie ist und ihre Mutter und die bei ihnen lebende Tante sich über ihn in Schweigen hüllen, beschließt sie, dem Pflegevater Jasenkas und Jasminas auf den Zahn zu fühlen, woraufhin dieser sich dazu breitschlagen lässt, ihr ein altes Notizbuch ihres Vaters zu übergeben.

Zeile um Zeile versinkt Marta nun in der Vergangenheit, muss immer wieder pausieren, da sie seine Gedanken nur portionsweise erträgt, aber langsam erklärt sich nun, welches schlimme Erlebnis ihres Vaters in dessen eigener Kindheit ihn daran hinderten, für sie da zu sein. Doch mit diesen erdrückenden Erkenntnissen muss sie vorerst mehr oder weniger allein zurecht kommen, denn während nur Finn versucht ihr zu helfen, täuscht Mateo weiter Desinteresse vor und selbst die erneute und wiederholte Konfrontation mit ihrer Mutter kann immer noch nicht die Mauer des Schweigens brechen, weil gegenüber dem Trauma ihres Vaters das Kriegstrauma ihrer Mutter und Jasenka steht, die als Kinder aus dem Bosnienkrieg gerettet und nach Deutschland gebracht wurden, wo sie gemeinsam mit Daniel bei ihrem Pflegevater Jakosch aufwuchsen. Und auch wenn Marta ahnt, was für schlimme Erlebnisse sie durchmachen mussten, die die beiden unzertrennlich werden ließen, belastet sie deren Trauma so sehr, dass sie es kaum noch aushält, mit ihnen zusammen zu leben und sich unweigerlich die Frage stellt, warum deren Probleme auch ihre Probleme sein müssen, warum sie mit ihnen an deren Vergangenheit leiden muss, wenn sie doch ein ganz eigenständiges Leiden hat, bei dem niemand bereit ist, es durch Erklärungen zu lindern.

René Müller-Ferchland schildert in diesem Buch mit einem fesselnden, unkonventionellen Schreibstil sehr gut, wie generationsübergreifend Traumata sein können. Die literarisch und charakterlich starke Figur Marta, ihr beständiges Fordern nach Antworten und ihre Rebellion zeigen deutlich, wie sehr Kinder und Jugendliche unter der unverarbeiteten Vergangenheit ihrer Eltern leiden können und man kann für viele Kinder nur hoffen, dass sie ebenso stark wie Marta ihren eigenen Weg und ihre eigenen Erklärungen finden werden, um nicht selbst an einem übertragenen Trauma zu zerbrechen und dabei dennoch genügend Verständnis für die Traumatisierten aufbringen.

Was in „Niemanns Kinder“ am Beispiel des Bosnienkriegs als Blick in die Zukunft gezeigt wird, ist gleichzeitig ein Blick auf die Vergangenheit und Gegenwart, denn leider fanden und finden immer wieder Kriege, Kindesmisshandlung und andere traumatisierende Verbrechen und Ereignisse statt, deren schwarze Wolke noch Jahrzehnte später über den Köpfen zukünftiger Generationen schweben wird. Deswegen ist dies ein Buch, das meiner Meinung nach jeden etwas angeht, damit wir begreifen, wie weitgreifend die Folgen jeglicher Art von Gewalt und Verbrechen sind, damit wir nicht vergessen und nicht wegschauen, damit wir den Opfern Verständnis entgegenbringen und wann immer möglich, ihnen bei der Bewältigung ihres Traumas helfen, wir es aber meiner Ansicht nach auch akzeptieren und begrüßen müssen, wenn sich jemand scheinbar rücksichtslos einen Schritt unter dieser schwarzen Wolke hervorwagt und in die Sonne tritt, anstatt in den Fluten zu ertrinken, die daraus herniederregnen, denn nicht für alles kann und darf ein eigens erlittenes Trauma als Ausrede gelten.

Ich kann diesen Roman auf jeden Fall weiterempfehlen und hoffe, dass sich noch viele weitere begeisterte Leser finden werden, die sich nicht von einem ernsten Thema abbringen lassen, denn inmitten dieser Tragödien gibt es dennoch soviel Zuversicht, Stärke, Zuneigung und Liebe, dass einem das Herz aufgeht und man die letzte Seite nicht nur mit einem weinenden, sondern auch einem lächelnden Auge schließen kann.

Wer übrigens mehr über dieses Thema erfahren möchte, kann unter den Begriffen „Transgenerationale Weitergabe“, „Transgenerationale Traumatisierung“ oder „Transgenerational transmission of trauma“ viele lesenswerte Seiten und Artikel finden.

Vielen Dank an dieser Stelle an René Müller-Ferchland für das Rezensionsexemplar, wobei ich betonen möchte, dass dies meine Meinung nicht beeinflusst hat. Und wer dieses tolle Buch nun ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung erfragen oder direkt beim Proof Verlag bestellen https://proof-verlag.de/shop/neue-literatur/niemanns-kinder/:

ISBN: 9783949178115
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Flexibler Einband
Umfang: 176 Seiten
Verlag: PROOF Verlag Erfurt
Erscheinungsdatum. 01.03.2021

Stars are never sleeping, dead ones and the living…

Dies sind die ersten Zeilen des Songs „The Stars (Are Out Tonight)“, der mir nun in den Sinn kommt, wenn ich John O’Connells „Bowies Bücher“ resümiere, denn dank dieser Biographie der etwas anderen Art begreift man, was für einen enormen Schaffensdrang dieser Ausnahmekünstler hatte (und wieviel er darüber hinaus noch gelesen hat), sodass man sich fragt, ob er zu seinen Lebzeiten jemals genug Schlaf bekommen hat. Und obwohl Bowie leider schon seit 2016 zu den „dead ones“ gehört, schläft dieser Star durch das, was er uns hinterlassen hat, glücklicherweise auch nach seinem Tod noch nicht.

Zugegebenermaßen wurde ich mit diesem Buch in ein Universum katapultiert, das mir bisher unbekannt war (worüber ich mich nun, da ich weiß, was mir jahrelang entgangen ist, sehr ärgere 😀 ). Natürlich wusste ich, wer David Bowie war und kannte und mochte auch einige Songs, mir war auch bewusst, dass es sich um eine sehr interessante Person handelte, aber irgendwie habe ich mich nie näher mit ihm und seiner Musik beschäftigt. Dann fiel mir jedoch dieses Buch ins Auge und ich wusste sofort: Das ist die Gelegenheit! Und nun, da ich quasi für einige Tage in seine Welt und sein Leben abgetaucht bin, wird er definitiv einen Platz in den TOP 10 meiner VIP (very interesting people)-Liste bekommen…

Aber nun zum Buch an sich: 2013 veröffentlichte das Victoria & Albert Museum London im Rahmen der Wanderausstellung „David Bowie Is“ seine eigens aufgesetzte Liste der 100 Bücher, die für ihn die wichtigsten und prägendsten waren. John O’Connell erläutert diese 100 Bücher und versucht die daraus entstandenen Einflüsse auf Bowies Leben und Schaffen aufzuzeigen, wobei er nicht nur kurz den Inhalt eines jeden Buches anreißt, sondern auch viele Anekdoten und Geschichten aus Bowies Leben erzählt. Mein liebstes Beispiel hierzu:

„Nile Rodgers, dem Produzenten von „Let’s Dance“, zeigte Bowie ein Foto, auf dem Little Richard in einem roten Anzug in einen roten Cadillac steigt. Genau so, sagte Bowie, solle das Album klingen.“

Solche Sätze kann nur ein Mensch sagen, der aus einer alltäglichen Situation eine enorme Inspiration gewinnt und daraus eine Hymne an das Leben und die damit einhergehenden Unwägbarkeiten komponiert, die weit über bloße Musik hinausgeht. Wobei Bowie all das verarbeitete, was er in seinem Leben an Wissen, Eindrücken und Emotionen wie ein Schwamm aufgesaugt hatte. Und vieles davon stammte mit Sicherheit aus diesen Büchern.

Durch die Fülle an Informationen ist „Bowies Bücher“ natürlich kein Buch, das man irgendwie zwischendurch liest. Es bedarf schon ein bisschen Muse (ich habe oft googlen müssen, damit ich weiß von wem oder was gesprochen wurde), aber ich habe selten ein derart informatives Buch gelesen, das mit einer so guten Ausgewogenheit zwischen Humor, Ernsthaftigkeit und spürbarer Leidenschaft aufwartet. Diese Leidenschaft ist definitiv ansteckend und hat dazu geführt, dass ich mich nun tagelang durch Bowies Lebenswerk gehört habe (und trotzdem natürlich nicht mal annähernd alles geschafft habe). Müsste ich ihn mit einem Maler vergleichen (was naheliegt, da er selbst – auch noch – gemalt hat), wäre es Francis Picabia: Dieser hatte nicht nur Bowies Malerei beeinflusst, sondern gefühlt jede Stilrichtung gemalt, während Bowie von Ziggy Stardust (1972) über Young Americans (1975), Let’s Dance (1983), Heathen (2002), The Next Day (2013) und viele weitere Alben ebenfalls eine eklektische Bandbreite gezeigt hat, die sich auch in seiner stil- und themenübergreifenden Bücherwahl widerspiegelt. Von freaky zu sachlich, traurig oder albern, von anrüchig über melancholisch, von Theologie, Politik, Geschichte über Psychologie, Magie und Kunst ist einfach alles und somit für jeden was dabei. Auch ich habe mir nun die für mich interessantesten Bücher sozusagen „auf die Fahne geschrieben“ und bin schon sehr gespannt darauf, sie zu lesen und die dazu passenden Bowie-Songs zu hören, die John O’Connell praktischerweise zu jedem Buch vorschlägt.

Ich finde übrigens, dass das Buch aufgrund der vielen kulturellen und historischen Bezüge definitiv nicht nur was für Bowie-Fans ist, sondern gerade Literaturliebhaber voll auf ihre Kosten kommen.
Und wer ein Fan von David Bowie ist und gern mehr über sein Leben und seine Inspiration wissen möchte, der sollte das Buch unbedingt gelesen haben!

Ich bedanke mich hiermit herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch für das tolle Poster und das kostenfreie Rezensionsexemplar, das mir glücklicherweise eine völlig neue musikalische und literarische Welt eröffnet hat!
Wer mehr wissen möchte, schaut hier nach: https://www.kiwi-verlag.de/buch/john-o-connell-bowies-buecher-9783462053524 und wer dieses wunderbare Buch jetzt ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung bestellen (bei vielen auch trotz Lockdowns weiterhin online möglich!):

  • ISBN: 9783462053524
  • Sprache: Deutsch
  • Ausgabe: Flexibler Einband
  • Umfang: 384 Seiten
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erscheinungsdatum: 10.06.2020

Und zum Schluss noch meine persönliche Playlist zu diesem Buch:

„I Can’t Give Everything Away“
„Where Are We Now“
„Absolute Beginners (Single Version)“ 2014 Remaster
„Shadow Man“
„The Stars (Are Out Tonight)“
„Everyone says ‚Hi‘ (Edit)“
„Slow Burn (Edit)“
„Let’s Dance (Single Version)“ 2014 Remaster
„Under Pressure (2011 Remastered Version)“
„Thursday’s Child (Radio Edit)“
„Young Americans (2016 Remaster)“
„Lazarus“
„Blackstar“
„Time Will Crawl (2018)“

Magische Technik

Was verbindet die Mathematikerin Ada Lovelace, eine automatische Orgel und Constable Peter Grant?

Tja, das wüsstet Ihr wohl gern! Aber dazu müsstet Ihr Peter erstmal an seinen neuen Arbeitsplatz bei der Serious Cybernetics Corporation begleiten!

„Wie, neue Arbeit? Was ist mit der Met und der Abteilung für abstrusen Scheiß?“ höre ich viele nun ungläubig fragen.

Nun ja, denen hat er unfreiwillig den Rücken gekehrt, nachdem es bei seinen Ermittlungen zu einem unschönen Zwischenfall mit Personenschaden kam. Und nun sorgt er stattdessen unter den „Mäusen“, wie die Mitarbeiter der SCC „liebevoll“ genannt werden, für Sicherheit, in dem er die „Ratte“ finden soll, die angeblich ihr Unwesen treibt. Klingt natürlich absolut nicht magisch…wird es aber, soviel sei zumindest versprochen!

Diesmal kommen übrigens nicht nur Freunde von abstrusem Scheiß auf ihre Kosten, nein, neben spannenden Falcon-Sachen lernen wir auch einiges aus dem Bereich der IT und sogar über künstliche Intelligenz und deren Weiterführung, der AGI (Artificial General Intelligence). Aber keine Angst, es wird nicht zu „nerdig“, denn Nightingale, Molly, Bev, mein neuer Lieblingscharakter Fingerhut und viele andere bekannte Gesichter sorgen natürlich wieder für den nötigen Spaß und so wird aus Peters neuem Job wieder ein magisches, gefährliches, aber auch wie gewohnt äußerst humorvolles Abenteuer im schönen London.

Ein herzliches Dankeschön geht hiermit auch an lovelybooks.de und den dtv für das kostenfreie Leseexemplar, welches meine persönliche Meinung aber nicht beeinflusst hat.

Wer nun den achten Band der Reihe „Die Flüsse von London“ von Ben Aaronovitch oder als Nachzügler gleich die ganze Reihe lesen möchte (ich kann es nur wärmstens empfehlen, vorallem für London-Fans), kann bei seiner lokalen Buchhandlung bestellen (auch online möglich!):

ISBN: 9783423262781
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Flexibler Einband
Umfang: 432 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

Hollywood und die Roaring 20s im Schatten von Korruption und Rassismus

Als Hardy Engel, ein ehemaliger deutscher Polizist und nun privater Ermittler in Los Angeles,  den Auftrag erhält, irgendetwas zu finden, das die ultraweiße Weste von Will Hays, einem der mächtigsten Männer Hollywoods, ein für alle Mal beflecken kann, glaubt er zunächst, er könne schon allein mit der Aufdeckung einer Liebesaffäre dafür sorgen. Und so hofft er, Will Hays in flagranti zu erwischen, doch was er dann im Laufe seiner Ermittlungen wirklich aufdeckt, ist nicht nur von größtem politischen Ausmaß für ganz Amerika, sondern fordert auch einige Menschenleben. Im Mittelpunkt steht hierbei der Ku-Klux-Klan, der in den 20er Jahren einen enormen Zulauf erhielt, sämtliche Institutionen des Landes im Geheimen unterwanderte und dessen Mitglieder auf brutalste Weise ihren Rassismus auslebten.

Christof Weigold hat in einer Lesung selbst betont, von welcher Bedeutung dieser historische Krimi leider heute noch ist. Daran geschrieben hatte er bereits, bevor das Thema Rassismus durch die gewaltsamen und teils tödlichen Übergriffe in Amerika und den darauffolgenden Aufruf #BlackLivesMatter nicht nur in den Vereinigten Staaten wieder topaktuell wurde. Somit ist dieser Band nicht ausschließlich ein Rückblick auf den Hollywood-Glamour der Roaring Twenties, sondern thematisch auch für unsere jetzige Gesellschaft immer noch relevant und es ist gut, dass Bücher wie dieses dafür sorgen, dass sowohl die historischen als auch die gegenwärtigen grausamen Taten nicht in Vergessenheit geraten und uns immer wieder erneut die Augen geöffnet werden.

Trotz des ernsten Themas bleibt die Unterhaltung des Lesers natürlich nicht auf der Strecke: der souveräne Hardy Engel, seine attraktive, emanzipierte (und manchmal sehr sture) Freundin Polly Brandeis und ihr äußerst verständiger Mops Enrico sorgen für die nötige Prise Humor und Leidenschaft, Hardys bester Freund Buck verpflegt trotz Prohibition weiterhin alle mit Cocktails und Whisky, Hollywoods Sündenpfuhl sorgt ganz allein für denkwürdige Skandale und korrupte Stories und der schöne Schreibstil des Autors lässt das alles trotz der mehr als 600 Seiten im Nu verfliegen.

Somit ist der lang ersehnte dritte Teil aus der Reihe um Hardy Engel auch wieder ein ganz besonderes Lesevergnügen und eine klare Empfehlung, nicht nur für Hollywood-Fans! 

Ich bedanke mich hiermit auch recht herzlich beim KiWi-Verlag für das kostenfreie Leseexemplar, wobei ich der Vollständigkeit halber erwähnen möchte, dass dies in keinster Weise meine persönliche Meinung über das Buch beeinflusst hat.

Wer dieses wunderbare Buch jetzt ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung bestellen (auch online möglich!):

  • ISBN: 9783462053265
  • Sprache: Deutsch
  • Ausgabe: Flexibler Einband
  • Umfang: 656 Seiten
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erscheinungsdatum: 20.08.2020

„Wer bin ich und was mache ich hier?“

Nicolas hat schon als junger Mensch seinen Onkel Valentin, einen berühmten Schriftsteller, bewundert und sich ihm nahe gefühlt, näher manchmal als seinem eigenen Vater. Nach dem Abitur verbringt er einen prägenden Sommer in dessen Villa, in dem sich die Beziehung der beiden intensiviert und Nicolas nicht nur so einige Weisheiten für sein späteres Leben lernt, sondern auch der Wunsch in ihm heranreift, selbst eines Tages ein Schriftsteller zu werden – einer, der genau so viel Sprezzatura hat, wie Onkel Valentin.
Doch wie es im Leben so ist, kommt dann nicht nur irgendwas, sondern irgendwie alles dazwischen. Als Valentin stirbt, verbringt Nicolas, heute gestresster Geschäftsführer der Firma seines Vaters, einige Zeit mit seiner vernachlässigten Frau und seinem kleinen Sohn in Valentins Villa. Und auch wenn der Tod seines Onkels ein großer Verlust für ihn ist, erhält er dadurch und durch die Zeit in der Villa eine gewinnbringende Erkenntnis
Bas Kasts „Das Buch eines Sommers“ war für mich ein sehr kurzweiliges Lesevergnügen und ich kann Nicolas‘ Verlust sehr gut nachfühlen, denn auch mich hatte der philosophische, lebensfreudige und entspannte Onkel Valentin von Anfang an in den Bann gezogen. Durch die Zeit in der Villa ist dieser aber auch im weiteren Verlauf der Geschichte präsent und es ist schön zu lesen, wie Nicolas sich von dessen Art auch nach dem Tod noch beeinflussen und lenken lässt und so eine neue Möglichkeit, das Leben zu leben, für sich entdeckt.
Da in diesem Buch die existenzielle Frage „Wer bin ich und was mache ich hier?“ 😉 gestellt wird, ist es natürlich auch ein kleiner Anstupser, vielleicht mal über den eigenen Weg und das eigene Dasein nachzudenken. Und da gibt es definitiv unangenehmere Denkanstöße! Klare Empfehlung also und mal wieder eine Punktlandung von Diogenes!

Vielen Dank an vorablesen.de und den Diogenes-Verlag für das Leseexemplar. Und wer es ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung bestellen (auch online möglich!):

  • ISBN: 9783257071504
  • Sprache: Deutsch
  • Ausgabe: Fester Einband
  • Umfang: 240 Seiten
  • Verlag: Diogenes Verlag
  • Erscheinungsdatum: 23.09.2020

Bohème – Leben ist (eine) Kunst!

Bohème

Felicia soll nach der Schule nach Paris gehen, um zu studieren, und landet durch eine Verwechslung (nicht ganz ohne eigenes Zutun) in einer Familie der Oberschicht, wo sie für die Zwillingsschwester der elitären Laetitia gehalten wird. Felicia lässt sich zunächst in diese Geschichte ein, lernt durch Laetitia die Pariser Kunstszene kennen und wird schneller als erwartet selbst ein Teil davon. Als begnadete Malerin findet sie schnell Anschluss, beäugt die Gesellschaft aber mit augenscheinlich desinteressiertem und kritischem Blick. Als ihr schlechtes Gewissen überwiegt, flüchtet sie jedoch aus „ihrer“ Familie und bekommt durch Laetitias Freund Ferdinand Unterschlupf bei Louanne, die ebenfalls ein völlig unkonventionelles Leben führt und Felicia mit sich zieht, bis Felicia merkt, dass sich neben der fröhlich ausschweifenden Louanne auch eine tieftraurige Louanne durch das Leben und die düsteren Nebel der Vergangenheit kämpft.

Jonas Zauels hat mit „Bohème“ ein lebensbejahendes, chaotisches, tieftrauriges und wunderbares Werk geschaffen, das mich an manchen Stellen so tief berührt hat, dass ich am liebsten in die Szenerie gesprungen und mit den Charakteren getrunken, gelacht, gelitten und das Leben und die Kunst gefeiert hätte und es besonders weh tat, es in dem Moment nicht tun zu können. Auch wenn hier und da Stereotypen bedient werden, wurde dabei glücklicherweise ein Aspekt immer wieder deutlich betont: Dass jeder Mensch eine Vergangenheit hat, die ihn prägt und dass es immer wieder darauf ankommt, genau aus dieser Vergangenheit einen neuen und einzigartigen Charakter zu erschaffen. Oder eben ein Kunstwerk!

Es gab so viele herzerwärmende, überwältigende und besondere Momente in diesem Buch, die an den fantastischsten Schauplätzen stattgefunden haben, dass der dazugehörige Einfallsreichtum und wunderbare Schreibstil schlichtweg nur als Kunst bezeichnet werden kann.

Das Buch sollte daher meiner Meinung nach jeder gelesen haben, egal ob Kunstliebhaber oder nicht, wobei letztere sicher noch mehr auf ihre Kosten kommen bzw. manche Empfindungen der Charaktere vielleicht ein bisschen besser verstehen können. 🙂

Vielen Dank an edition federleicht und Jonas Zauels für das Rezensionsexemplar und die Leserunde bei lovelybooks.de!

Und wer es ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung bestellen (auch online möglich!):

ISBN: 9783946112587
Sprache: Deutsch
Umfang: 270 Seiten
Verlag: edition federleicht
Erscheinungsdatum: 14.07.2020

Identität und Ursprung

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Rose ist Anfang 30 und Zeit ihres Lebens auf der Suche nach den Spuren ihrer Mutter, denn sie hat das Gefühl, dass sie sich selbst nicht finden kann, solange sie nicht weiß, wer ihre Mutter war und was mit ihr passiert ist, bevor sie sie als Baby allein mit ihrem Vater zurückließ. Als ihr Vater ihr endlich etwas mehr erzählt und darauf hindeutet, dass die Schriftstellerin Constance Holden wahrscheinlich eine der letzten Personen war, mit denen Rose‘ Mutter Kontakt hatte, macht sie sich auf die Suche und findet durch eine impulsive Notlüge bei der Schriftstellerin Anstellung als deren Assistentin. Was anfangs dazu dienen sollte, auf egoistische Art und Weise mehr über ihre eigene und die Vergangenheit ihrer Mutter herauszufinden, entwickelt sich zu einer lebensverändernden Erfahrung und tiefen Freundschaft…bis eines Tages ans Licht kommt, dass Rose über ihre Identität gelogen hat und Constance sie daraufhin stehenden Fußes vor die Tür setzt…

„Die Geheimnisse meiner Mutter“ von Jessie Burton ist genau wie ihr Debütroman „Das Geheimnis der Muse“ geprägt von Einfühlsamkeit, herausragender Beobachtungsgabe und dem treffsicheren Gespür für interessante Figuren und deren Schicksale. Der Roman entführt uns nicht nur nach London, sondern auch in das blenderische Los Angeles der Stars und Sternchen, nach New Mexico und New York und schafft am Ende trotz all der wechselnden Schauplätze ein wohliges Gefühl des Angekommen-Seins.

Ein toller Coming-of-age-Roman (zu Deutsch „Entwicklungsroman“), dessen Schreibstil und Figuren einen in den Bann ziehen und so schnell nicht wieder loslassen und darüber hinaus einen gefühlvollen Einblick in homosexuelle Beziehungen in den 80er Jahren und heute gewährt.

Vielen Dank an den Insel-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Und wer es ebenfalls lesen möchte, kann es bei seiner lokalen Buchhandlung bestellen (auch online möglich!):

ISBN: 9783458178422
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Fester Einband
Umfang: 585 Seiten
Verlag: Insel Verlag
Erscheinungsdatum: 17.02.2020

In Erwartung der Leidenschaft…

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Hallo liebe Leser,

hier kommt eine neue Rezension zu „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Mary Mac Lane, ein Tagebuch, das zur damaligen Zeit absolut skandalös war und nun erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist:

Mary Mac Lane hat genug von ihrem langweiligen Leben und möchte ihre jugendliche Leidenschaft und ihre sich selbst zugesprochene Erhabenheit gegenüber ihren Mitmenschen in einer Liaison mit dem Teufel gipfeln lassen. Sehnsüchtig wartet sie auf dessen Ankunft und hofft darauf, in jeglichen Aspekten seine Frau werden zu dürfen, und selbst wenn es nur ein Tag wäre, würde ihr dieses Glück für den Rest des Lebens reichen. Denn Mary Mac Lane ist keine gewöhnliche junge Frau, allein die Vorstellung an das konventionelle Leben mit Mann und Familie, leidenschaftslos erfüllte ehelichen Pflichten, langweilige gesellschaftliche Verpflichtungen und Gespräche jagen ihr einen Graus ein, sie fühlt sich von ihrer Mitwelt unterfordert, ihre grenzenlose Leidenschaft bleibt ungestillt und die Sehnsucht nach etwas Unbekanntem, Ungreifbarem, lässt sie schier verzweifeln. All diese Gedankengänge hat sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Tagebuchform zu Papier gebracht und lässt uns teilhaben, an ihrem Hunger, ihrer Gier, ihrem Genuss, ihrem Umherstreifen in der Natur, ihrer gefühlten Erhabenheit dem Rest der Menschheit gegenüber, ihrer Verzweiflung und ihres Wahns.

Dieses Tagebuch hat durchaus poetische Züge und viele Ihrer Gedanken kann man nachvollziehen, es ist der Durst nach Leben und das Resultat genauer Beobachtung ihrer Umwelt, in der Routine, Langeweile und negative Aspekte des Lebens eine junge und bildhübsche Frau zu der Frage verleiten, ob das denn schon alles sein soll, was sie im Leben noch erwartet. Absolut nachvollziehbar, extrem skandalös für die damalige Zeit und sehr interessant, besonders der Anfang hat mich wirklich gefesselt und ich konnte ihr in vielen Dingen mitfühlen, aber leider muss ich sagen, dass die dauernden Wiederholungen irgendwann nur noch ein genervtes Augenrollen bei mir hervorgerufen haben, zum Ende kommt sie mir einfach nur noch hysterisch vor, auch wenn ich damit Gefahr laufe, sie so zu sehen, wie sie früher von misogynen Medizinern, Männern und unemanzipierten Frauen diagnostiziert worden wäre. Besonders genervt hat mich irgendwann ihre gnadenlose Überheblichkeit, zumindest aus dem Text wird nicht ersichtlich, dass sie sich auch nur eine Minute vorgestellt hat, sie könnte nicht die einzige auf dieser Welt sein, die so fühlt wie sie. Und das macht sie in meinen Augen eben alles andere als erhaben, da sie nicht in der Lage zu sein scheint, Empathie aufzubringen.

Alles in allem aber eine höchst interessante Leseerfahrung und sicher ein Stück weit auch ein Meilenstein der Emanzipation, aber das Buch wird es leider nicht in das Regal meiner Lieblingsbücher schaffen.

Einen herzlichen Dank an den Reclam-Verlag für das Leseexemplar und die damit verbundene und wirklich interessante historische Exkursion.

Wenn Ihr diese Erfahrung ebenfalls machen und das Buch lesen wollt, bestellt bitte bitte bitte bei Eurer lokalen Buchhandlung, gerade in der derzeitigen Situation benötigen sie unsere Unterstützung am meisten!:

ISBN: 9783150112564
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Fester Einband
Umfang: 206 Seiten
Verlag: Reclam, Philipp
Erscheinungsdatum: 11.03.2020

Ganz frisch rezensiert: „Alle Wasser Stein“ von René Müller Ferchland

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„Alle Wasser Stein“ – im ersten Moment weiß man damit nicht so recht, worauf man sich einlässt, aber wenn man das Cover betrachtet und den Klappentext liest, bekommt man schon eine Ahnung und vorallem ein Bild von dieser Künstlervilla und ihren Bewohnern, den Nessunos.

Doch ganz so entspannt künstlerisch bleibt die Atmosphäre nicht, denn Bildhauer Rigot hat eine Absprache mit dem Bürgermeister getroffen: Wenn er ihm eine Skulptur für den Marktplatz herstellt, erhalten die Nessunos im Gegenzug das Recht an der Villa. Schafft er es nicht, die Skulptur in eineinhalb Jahren zu kreieren, so verlieren sie ihren Wohnsitz. Der Bürgermeister lässt auch sogleich einen Stein dafür in Rigots Atelier liefern, doch dieser scheint den Künstler vollkommen zu lähmen. Außerdem ist Rigot außer sich vor Wut, weil der Pakt unter widrigen Umständen entstanden ist und er sich dadurch betrogen fühlt. Als dann noch ein unbekannter kleiner Junge auftaucht und sich in der Villa niederlässt, sind seine Nerven zum Zerreißen gespannt.

Dieser Erstlingsroman von René Müller-Ferchland ist atmosphärisch so dicht, dass man ab und zu die Augen schließen und durchatmen muss, damit man sich in der „richtigen“ Welt wieder zurechtfindet. Das ist keineswegs negativ gemeint, denn ich liebe es, wenn ein Buch es schafft, dass mir die südeuropäische Hitze auf der Haut brennt, ich die Gerüche von reifem Obst und gewittergeladener Luft riechen kann, während ich träge in der Sonne sitze oder bis mittags im Bett liege und mir die Künstlergemeinschaft an manchen Stellen Auftrieb verleiht und mich zum fröhlichen Mitleben animiert oder an anderer Stelle einfach nur zu viel und zu bunt ist…kurz: Ich war mittendrin und konnte dadurch sehr gut die Emotionen der Figuren nachempfinden.

Hinzu kommt die in manchen Augen eventuell etwas altmodische Sprache, die mir aber sehr gut gefällt, weil sie die Geschichte nochmal weiter von der gewohnten Welt abkapselt, ja fast traumähnlich werden lässt, und außerdem durch ihre Poesie die Geschichte noch künstlerisch untermalt. Wer kein Kunstliebhaber ist, darf sich hier aber auch nicht abschrecken lassen: Es geht in diesem wunderbaren Roman viel mehr darum, wie die Vergangenheit uns zu der Person formt, die wir heute sind und wie viel Kraft es manchmal kostet, uns von ihr zu befreien, um einen weiteren Schritt ins (hoffentlich oftmals bunte) Leben voranzugehen. 

Eine ganz klare Leseempfehlung!
Und der Titel, ja… der macht am Ende dann doch noch richtig Sinn 🙂

Ich durfte dieses Buch im Rahmen einer Leserunde zusammen mit dem Autor bei lovelybooks.de lesen – wer Lust hat, kann dort ein bisschen Stöbern:

https://www.lovelybooks.de/autor/René-Müller–Ferchland-/Alle-Wasser-Stein-1994638870-w/leserunde/2089421875/

Es haben mich auf der Reise durch das Buch auch zwei Songs begleitet, die meiner Meinung nach sehr gut dazu passen und die ich Euch nicht vorenthalten möchte:

Kaufen könnt Ihr das Buch am besten in Eurer lokalen Buchhandlung unter ISBN 978-3-943446-39-5 oder alternativ bei amazon.de (hier kann ich empfehlen, über smile.amazon.de zu bestellen, denn so könnt Ihr ohne Mehrkosten durch Euren Einkauf einen vorher von Euch gewählten wohltätigen Zweck unterstützen):

https://smile.amazon.de/dp/3943446395/ref=smi_www_rco2_go_smi_4315534973?_encoding=UTF8&ie=UTF8&tag=lovelybooks-rdetail-21

Mehr von René Müller-Ferchland könnt Ihr auf seiner Website oder auf Facebook, Twitter oder Instagram lesen und sehen:

mueller-ferchland.de

https://www.instagram.com/rm_f_84/?hl=de

https://twitter.com/Re_Mue_Fe

https://www.facebook.com/allewasserstein

 

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